Unter der Oberfläche

 

9.November 1888


Es war eisig geworden. Klamme Frostschwaden krochen aus sämtlichen Winkeln und das unverkennbare Versprechen von Schnee hing träge in der Luft. Bald würde er sich Bahn brechen und den Schmutz, der den Rest des Jahres ungeniert vor sich hin gärte, unter sich begraben. Den Dreck und Auswurf, der mit seiner allgegenwärtigen Präsenz das Antlitz Londons beleidigte und diese würdevolle Stadt in ein babylonisches Rattenloch verwandelte.

Aber bis dahin vergingen sicherlich noch einige Tage. Im Augenblick bedeckte lediglich eine dünne Graupelschicht die Straßen; hier und da aufgerissen von den Spuren vorbeieilender Kutschen.
Im schummrigen Licht der Nacht wirkte sie grau und fahl, so als könnte der herabfallende Niederschlag nicht anders, als sich dem schmierigen Boden anzupassen, auf den er rieselte.
Schwer atmend klammerte sich der Mann in seinem schwarzen Mantel an das Geländer. Seine Silhouette verschmolz mit den Schatten um ihn herum und verlieh der düsteren Aura, die ihn einwob, ein beinahe greifbares Gewicht. Den Hut weit ins Gesicht gezogen starrte er auf das trübe Wasser, das in seinem gemauerten Lauf stoisch dahinsprudelte, und krallte die Finger in die rostzerfressene Stange.

Ihm entrang sich ein Stöhnen.
Selbst durch seine Lederhandschuhe spürte er die schneidende Kälte, die das Eisen ausstrahlte – und genoss sie. Seine Knöchel kribbelten schmerzhaft, die Haut brannte und trotzdem schlich sich ein erleichtertes Lächeln in seine Züge. Sollten ihm die Hände abfrieren, wenigstens vertrieb die Kälte seine Übelkeit. Vertrieb das widerwärtige Gefühl warmen, feuchten Blutes und den ekelhaften Geruch nach Kupfer und Angst.
Er zitterte leicht. Das Hemd klebte ihm am Körper. Die Hose heftete sich unangenehm an seine Beine und die Ärmel trieften geradezu von dem unheiligen Sud, der ihn überzog wie ein flüssiges Leintuch.
Natürlich würde beim matten Schein der Straßenlaterne niemand die scharlachroten Flecken erkennen, die seine Kleidung besudelten. Doch er wusste, dass sie da waren. Fühlte die saugende Nässe des Stoffes und registrierte jeden Tropfen der klebrig glitschigen Substanz. Ein weiteres Stöhnen stahl sich über seine Lippen. Diesmal klang es matt und gequält.

Wie hatte es nur so weit mit ihm kommen können?
Angestrengt schaute er in den Himmel.
Ein Fehler und plötzlich war sein Leben nichts mehr wert. Ein Tag und schon hatte sich die Spirale in Gang gesetzt.
Er rieb sich abwesend den Nacken.
Oder war es bloß eine Frage der Zeit gewesen? Ein schwelendes Bedürfnis, das früher oder später ohnehin seine Ketten gesprengt hätte? Tiefe Furchen gruben sich zwischen seine Brauen.
Nein! Er hatte sich stets unter Kontrolle gehabt. Was in den vergangenen Wochen geschehen war, musste man ihr anlasten. Der Strudel, durch den er in den Schlund der Hölle gerissen wurde, war ihr Werk. Ihres allein!
Pfeifend ließ er den Atem zwischen seinen zusammengepressten Zähnen entweichen und versuchte, sich an jenen Junimorgen zu erinnern, an dem alles begonnen hatte. An jenen Dienstag im Frühling, an dem er diese unselige Vereinbarung getroffen und damit sein Schicksal besiegelt hatte.
Er krümmte sich und presste die Faust gegen die Stirn.
Wenn er sich lange genug konzentrierte, konnte er die Frau, die sich ihm als Sarah Luise Watson vorgestellt hatte, deutlich vor sich sehen. Die Dame aus der feinen Gesellschaft mit ihrem sauber frisierten Haar und der blasierten Miene, die aus heiterem Himmel in seine Praxis marschiert und zu seinem persönlichen Albtraum geworden war.
Miss Watson - selbstredend ein erfundener Name. Mittlerweile kannte er ihre wahre Identität, wollte sie aber lieber als Sarah Luise Watson im Gedächtnis behalten. Als Person, die eigentlich gar nicht existierte. Als anonymes Zahnrad in einer Kette von Ereignissen, die sich Schritt für Schritt dem Rand des Wahnsinns näherten.

In der Ferne bellte ein Hund. Er kläffte hysterisch und das Grölen des betrunkenen Abschaums stimmte ungebeten in den Chor mit ein.
Er massierte sich die Schläfen.
Miss Watson ... sie gehörte zu der Art Menschen, die gewohnt waren, stets ihren Willen durchzusetzen. Die schamlos nahmen, was sie bekamen, und sich notfalls mit Gewalt holten, was man ihnen verweigerte. Noch heute schauderte ihn bei der Gleichgültigkeit, mit der sie ihre niederträchtige Bitte damals an ihn herangetragen hatte.
»Meinen Sie nicht auch, dass Gott mich in ausreichendem Maß gestraft hat, als er mir das Mutterglück verweigerte?«, hatte sie gesagt und Mitleid heischend die Augen gesenkt. »Nun beschämt mich mein Gatte, indem er sich mit einer billigen Hure in den Laken vergnügt und ihr den Spross in den Leib pflanzt, der meiner hätte sein sollen.« Bei diesen Worten hatte sie die Schultern gestrafft, ihn aufmerksam fixiert und sich eine Falte aus dem Kleid gestrichen. »Aber das werde ich nicht akzeptieren! Und Sie werden mir dabei helfen, Doktor.«
Eine Kutsche polterte neben ihm übers Pflaster. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und kostete einen Moment den bitteren Geschmack von Galle.
Und Sie werden mir dabei helfen. In der Minute, in der er sich mit dieser simplen Feststellung konfrontiert sah, hatte er nicht die geringste Ahnung, zu welch unbeschreiblichem Grauen sich dieses unfreiwillige Treffen auswachsen sollte.
»Sie werden dafür sorgen, dass das Kind dieser wertlosen Mätresse gesund zur Welt kommt und dann ... werden sie das Miststück aus dem Weg schaffen!«
Seine Mundwinkel bebten, während er das Gespräch im Geist Revue passieren ließ. Sie hatte tatsächlich von ihm verlangt, einen heimtückischen Mord zu begehen. Offen, geradeheraus und mit einem abgestumpften Ton, der seinesgleichen suchte.
»Keine Sorge, dem kleinen Bündel wird es an nichts mangeln. Ich und mein Mann werden es aufziehen als wäre es unser Eigenes.«

Ein junger Polizist schlenderte an ihm vorbei und tippte sich freundlich an die Mütze. Ohne den leisesten Anflug von Nervosität erwiderte er den Gruß. Das höfliche Desinteresse zweier nächtlicher Wanderer, deren Pfade sich kreuzten und wieder trennten. Melancholisch blickte er dem Jüngelchen in seiner schmucken Uniform hinterher und fragte sich, wie dieser reagiert hätte, wenn er wüsste, wen er gerade vor sich gehabt hatte.
Halt suchend krallte er sich an das Geländer.
Dieser Tag im Juni und was er aus ihm gemacht hatte schien ihm so irreal, dass er sich gelegentlich einredete, es wäre Einbildung gewesen und er müsse nur fest genug blinzeln, um sich davon zu befreien. Aber das funktionierte nicht. Kein Blinzeln dieser Welt machte seine Taten ungeschehen. Das arme Mädchen war tot und verscharrt. Und keine Macht der Welt würde sie wieder lebendig machen. Nicht sie und nicht die anderen ...
»Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris ... wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ...« Eine vereinzelte Träne rollte über seine glatt rasierte Wange.
Drei Wochen nach Miss Watsons plötzlichem Erscheinen – drei Wochen, in denen er gebetet und Gott angefleht hatte, dass die Dame von Ihrem Vorhaben ablassen würde – war sie erneut in seine Praxis gekommen. War mit ungebrochener Arroganz über seine Schwelle geschritten und hatte eine Frau von ungefähr vierundzwanzig Jahren gestützt, deren gewaltiger Bauch ihre baldige Niederkunft deutlich ankündigte.

Das Mädchen.
Gekeucht hat sie unter dem Ansturm heftiger Wehen und dermaßen vulgäre Unflätigkeiten ausgestoßen, dass kein Zweifel an ihrer niederen Herkunft und dem ausgeübten Gewerbe bestand. Trotz geliehenem Gewand und fein gebürstetem Haar troff es ihr aus sämtlichen Poren.
»Verdammtes Drecksloch!«, fluchte er. Der typische Gestank des East End wehte in Böen zu ihm herüber und er schüttelte sich angeekelt. Würgte hart. Speichelfäden benetzten sein Kinn und er wischte sie mit dem Rücken seines Handschuhs fort.
Stunden hatte sie auf seinem Tisch gelegen und sich schreiend gewunden, bis das Balg endlich aus ihr herausrutschte. Der Lederriemen, auf den zu beißen er sie ständig animiert hatte, war schon völlig von ihrer Spucke durchtränkt gewesen und seine an geschniegelte und gepuderte Patienten gewöhnte Nase war von ihrem sauren Schweiß gepeinigt worden.
Furchtbar. Widerlich. Am meisten hatten ihm jedoch die gespreizten Beine zugesetzt, zwischen denen sich Blut und Fruchtwasser sammelten. Gewiss die erste und letzte Geburt, der er beiwohnte. Rasch hatte er die Nabelschnur durchschnitten, das Baby gewaschen und es Miss Watson in die gierigen Hände gedrückt. Dann hatte er seine Aufmerksamkeit der erschöpften Mutter zugewandt; und der entscheidenden Aufgabe, die ihm noch bevorstand. Das Miststück aus dem Weg schaffen.

»Ah!« Sein Gesicht glühte und er wollte die aufkeimende Erinnerung verdrängen.
Sie war eine stumme Anklage.
Eine ungerechtfertigte Anklage.
Denn hatte er nicht die verschiedensten Szenarien durchgespielt? Sich nicht mit Bedacht für den Äther entschieden? Nicht die für ihn barmherzigste Methode gewählt? Hatte er nicht all das ein ums andere Mal getan, bevor er das Fläschchen besorgt hatte? Allmächtiger! Sie wäre sanft eingeschlafen. Hätte die Dämpfe eingeatmet und sich friedlich aus diesem Leben verabschiedet.
Aber nein! Sie musste sich ja wehren. Strampeln, kreischen, um sich schlagen und sich gebärden wie eine Irre! Und plötzlich war da dieses Skalpell gewesen. Blanker Stahl, der in das dünne Fleisch ihres Halses glitt. Ein Rinnsal, das sich in eine Fontäne aus herrlichstem Karmesin verwandelte.
»Du hast mich zum Mörder gemacht«, flüsterte er und sog scharf die eisige Luft ein. »Ihr beide!«
Ja, was passiert war, entsprang nicht seiner Verantwortung. Nicht seiner! Nein! Sicher, er hätte sich weigern können. Hätte Miss Watson aus seiner Praxis werfen und ihr schändliches Ansinnen ablehnen können. Aber zu welchem Preis?
»Sie sollten sich reiflich überlegen, ob Sie mich fortschicken!«, hatte sie gezischt. »Nicht, dass ich Ihrem Ruf schaden möchte, Herr Doktor. Ich pflege eingedenk männlicher Eskapaden diskret zu schweigen. Mein Gatte wird Ihnen dies bestätigen.« Ein höhnisches Grinsen auf ihrem Porzellanteint. »Aus meinem Mund soll niemand von Euren Liebesbezeugungen an den Lenden dieses Burschen erfahren. Allein auf meine lose Zunge ist manchmal kein Verlass.«
Sein Mantel blähte sich im Wind.
An den Lenden dieses Burschen … Bis heute fragte er sich, mit wem sie ihn ertappt hatte. Mit Black Eddy? Dublin Stu? Oder Lovely Joe, diesem neunzehnjährigen Taschendieb, den er regelmäßig für seine Dienste entlohnte? Egal. Er war erpresst worden. Zu einem Verbrechen gezwungen. Wer wollte ihm daraus einen Vorwurf machen? Hätte er sich wegen einer billigen Prostituierten und ihres Balgs als Sodomit entlarven lassen sollen?

Die Kirchturmglocken schlugen fünf. In ungefähr drei Stunden würde die Sonne aufgehen. Wie lange es wohl dauern mochte, ehe das erste Pfeifenschrillen ertönte und sich die Gassen hektisch mit Beamten füllten? Bis sie das Schlachtfeld am Miller´s Court an der Dorset Street entdeckten ...
Er hatte nie gewollt, dass es so weit kommt.
»Ich bin kein Monster«, verteidigte er sich vor den Schatten, die ihn umringten. Ihm dröhnte der Schädel und Hass brodelte wie Säure in seinem Magen. Miss Watson und die Hure ihres Mannes traf die Schuld, nicht ihn. Nein, nicht ihn. »Sie haben meine Seele verdorben.«
Er stockte und spannte die Muskeln an.
Dass es ihm eine innere Befriedigung gewesen war, dieser Metze die Kehle aufzuschlitzen, durfte man ihm nicht anlasten. Niemals! Seine euphorische Erregung im Augenblick ihres Todes durften sie nicht gegen ihn verwenden.
Wie sie ihn verständnislos angeglotzt hatte, panisch das Skalpell beäugte ... Oh verflucht, er hatte es genossen, seine Hände in den heißen Strom zu tauchen, der aus ihrer pulsierenden Ader schoss, und das Gefühl, als sie erschlaffte und zusammensackte. Als sie bekam, was sie verdiente, dieses schamlose Stück Dreck, das jedem dahergelaufenen Kerl mit ein paar Münzen in der Tasche ihren verseuchten Schoß hinreckte.
Seine Mundwinkel zuckten.
Er hatte sich bemüht, den Trieb niederzukämpfen, oder nicht? Alles versucht, ihn zu ignorieren. Alles getan, um dem penetranten Greinen seines Geistes, den es nach mehr dürstete, das Maul zu stopfen. Vergebens. Jede Ablenkung, sogar die Süßeste, verschimmelte auf seiner Zunge zu schaler Bedeutungslosigkeit, da sein Appetit auf etwas gänzlich anderes geweckt worden war.
Was galten ihm die Küsse eines Straßenköters, der sich seiner Lust feilbot, wenn er über das Leben selbst gebieten konnte?

Die Laterne flackerte und der Mann in seinem schwarzen Mantel nickte zur Bestätigung ins Leere. »Ich habe es versucht.« Sein Ton verriet Unsicherheit. »Mit aller Macht habe ich mich gegen die Dämonen gewehrt.«
Tage, Wochen hatte sein Schild ihren Attacken standgehalten, aber schlussendlich waren sie zu stark gewesen. Sie lockten ihn, verspotteten ihn, drängten sich an sein Ohr und kokettierten mit ihren schwammigen Brüsten. Sie bettelten geradezu um sein Messer. Jede Nacht, in der er enttäuscht aus einem der zahlreichen Hinterhöfe schlich und begriff, dass ihm der derbe Akt mit einem seiner Gespielen das fehlende Vergnügen nicht ersetzen würde.
»Emma Turner!« Er knurrte.
Aufdringlich war sie gewesen dieses berechnende Biest. Hatte ihre Röcke das Knie empor nach oben gestreift, um ihn ihre verbrauchten Schenkel bewundern zu lassen. Als ob es an einer verwelkenden Hure etwas zu bewundern gäbe. Der 7. August ...
»Probier´s zur Abwechslung mal mit einer Frau. Vielleicht muntert dich das auf!« Ihre dilettantisch geschminkte Fratze eng an seine Wange gepresst, hatte sie ihre Hüfte gewiegt und sich bei ihm untergehakt.
Er hatte sie wegstoßen wollen und es nicht geschafft. War mit ihr an spärlich beleuchteten Häusern vorbeigeschlendert. Emma schwatzend und sein Kopf von dumpfem Chaos beherrscht.
Wohin sie liefen? Er wusste es nicht. Irgendwann war die Umgebung dunkler geworden; waren die Geräusche abgeflaut. Allein mit ihr. Und dann war alles ganz schnell gegangen. Das Skalpell war aus seiner Manteltasche geschossen ... Warum hatte er es eigentlich mitgenommen? ... Stach in ihren Bauch, die Schultern, tat sein Werk, hastig und erhitzt ...
Verdarb, was eine göttliche Empfindung hätte sein sollen!
»Aber Polly … und Annie ...«, er lächelte versonnen.
Den Tod der beiden hatte er mit jeder Faser ausgekostet. Ihn in sich aufgesogen und damit den Sturm in seiner Brust beruhigt. Pure Energie war in gewaltigen Wogen durch seine Venen geströmt. Sie hatten seine Sehnsucht gestillt. Nicht wie die anderen. Sie waren ein Genuss gewesen. Kein Zwang. Ein Genuss!
Nein, das stimmte nicht. Nicht bei Dark Annie.
Das Lächeln löste sich ruckartig auf.
Bei ihr hatte er bereits gespürt, dass ihm diese kurzen, flammenden Explosionen auf Dauer nicht reichen würden. Dass es ihm nicht genügte, ihnen die Kehlen aufzuschlitzen und sie in dem Schmutz verenden zu lassen, aus dem sie gekrochen waren. Er wollte in ihrem Blut baden. Sie verstümmeln und mehr.

Seine Faust hämmerte wütend auf das Geländer. Rauchschwaden stiegen von den Dächern auf und fahrig hob er die Nase. Atmete tief die Ausdünstungen ein, die ihn bedrängten. Blickte auf den trostlosen Umriss von Whitechapel und spuckte in aufwallender Abscheu auf das zerfurchte Pflaster.
Er hatte es gespürt und sie gewarnt. Sie hätten ihn daran hindern müssen. Sie hätten ihn zur Strecke bringen und ihm Einhalt gebieten müssen! Weshalb sonst die Briefe? Kate Conway, Long Liz, Naughty Rose, Ginger – das hatten diese Versager vom Scotland Yard zu verantworten! Nicht er. Nicht er!
Zur Hölle! Hatte er sich nicht bemüht, sie aufzurütteln? Hatte er sie nicht von seinen grauenhaften Plänen unterrichtet; ihnen Beweise geschickt? Ihnen eine kopflose Leiche ins eigene Nest geworfen! Und diese blinden Narren versagten.
»Ginger …« Der Name, der sich in die Nacht schlich, war kaum ein Hauchen.
Dieses junge, hübsche Ding mit ihren rotblonden Haaren. Er war über sie hergefallen wie ein tollwütiges Tier. Ginger. Wieder und wieder preschte die Klinge durch ihr zartes Fleisch; nie zufrieden mit seiner Beute. Weidete aus und verletzte. Grub sich klaffende Schneisen. Blut verteilte sich in Bächen über die Matratze und an die Wände. Knochen splitterten und das Herz verließ ihren erkalteten Körper.
Ihr Herz … Behutsam tätschelte er die Innentasche seines Mantels.
»Ich habe die Kontrolle verloren und bin zum Monster geworden.« Seine Stimme ein raues, schwaches Krächzen. Behäbig hievte er das linke Bein über die rostige Stange. »Das muss ein Ende haben. Hier und heute!« Mühsam zog er das rechte Bein nach und stand nun rücklings an das Geländer geklammert.
Der kalte Strom der Themse rauschte unter ihm dahin und erwartete ihn mit der frostigen Aussicht auf einen schnellen Tod.
»Es muss ein Ende haben.« Seine Finger lösten sich von dem Eisen und ein letztes heiseres Keuchen entfuhr seinen Lippen: »Mit Jack the Ripper muss es ein Ende haben …«

Er fiel.
Hart prallte sein Körper auf die Oberfläche. Wurde mitgetragen vom Schwung des Wassers. Flüssiges Eis presste ihm die Luft aus den Lungen und unnachgiebig zog ihn der schwere Mantel hinab. Minuten trieb er an der Schwelle zwischen Leben und Sterben und ein Gefühl von Frieden umfing ihn. Ein Gefühl von Freiheit und Loslösung, von geleisteter Buße und Abschluss.
Ein trügerisches Gefühl.
Gibt es doch ohne Vergessen kein wirkliches Ende.
Und das würde es nie geben. Denn längst schon war das Monster, das in seiner Brust wohnte, zur Legende geworden.

 

(Erschienen in der Anthologie »Eine Reise in die Vergangenheit«, Aurora Buchverlag 2010) 

 

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