Nur ein Spiel

 

Aus den integrierten Deckenlautsprechern rieselte leise ein Oldie - Fred tippte auf Nickelback -, die antike Espressomaschine ratterte und sein Reader blinkte bei Kapitel sechs von Goethes Faust. Obwohl dem Tag eindeutig eine Frau in heißer Unterwäsche fehlte, hätte er sich unter normalen Umständen auf seiner Ergoliege zurückgelehnt und die Stunden entspannt vorbeirauschen lassen. Momentan war ihm aber weder nach Musik noch nach aufgebrühten Kaffeebohnen und schon gar nicht nach intellektuellem Geschwafel zumute. Er hatte ganz andere Sorgen.

»Zum hundertsten Mal: Woher haben Sie diese Nummer?«
Über den kleinen Stecker am Ohrläppchen drang raues Gelächter an sein Trommelfell. Es klang wie eine Mischung aus Gesang und Knarren. Ein merkwürdiges Geräusch, das ihn spontan in seine Kindheit zurückversetzte - in eine Zeit, als die Zigarettenindustrie zentraler Bestandteil der Gesellschaft und sein Vater Träger von Titanstimmbändern war.
Er schüttelte den Gedanken ab. Die Vorstellung, dass von dem Mann, den er einmal geliebt hatte, nur mehr ein Haufen gepresster Asche und ein paar silberfarbene Drähte existierten, trug sicher nicht dazu bei, das Zittern aus seiner Stimme zu kriegen. Krampfhaft fuhr er sich durch die Haare.
»Wer sind Sie?«
»Dem Aspekt widmen wir uns später.«
Erneut vibrierte der Audiostecker unter dem amüsierten Schnarren seines Gesprächspartners. Freds Magen verkrampfte sich. Ihm wurde heiß und die Papaya Coke, deren dauergekühlte Packung allmählich seine Hand einfror, fuhr Achterbahn durch seinen Verdauungstrakt.
»Was wollen Sie?«
»Ah … Endlich fängst du an, die richtigen Fragen zu stellen.«
Diesmal blieb das Gelächter aus. Wer auch immer hinter dem unbekannten Anrufer steckte, wollte das Spiel nun offenbar vorantreiben. Ihm sollte es recht sein, schließlich verplemperte das Arschloch seit mittlerweile gut zehn Minuten seine Zeit. Wenn der Kerl nicht so viel über ihn gewusst hätte ...
»Okay. Anscheinend kennen Sie mich. Sind Sie irgend so ein kranker Fan?«
»Nicht doch ... Uns verbindet etwas viel tiefer Gehendes, mein Junge.«
Freds Alarmglocken schrillten.
»Also sind wir uns schon mal begegnet?«
»Nicht persönlich.«
»Sondern?«
Der andere schwieg.
»Na schön«, sagte Fred, stellte die Coke zur Seite und rieb sich die klammen Finger an der Jeans. »Verraten Sie mir wenigstens, wann sich unsere Wege unpersönlicherweise gekreuzt haben?«
»Vor ziemlich genau drei Jahren.« Der Fremde hüstelte gekünstelt. »Aber das wird dir nicht weiterhelfen. Versuch es mit einer anderen Frage.«

Er ignorierte den letzten Satz und wiederholte stumm die Worte: vor ziemlich genau drei Jahren ... Das musste kurz nach dem Tod seines Vaters gewesen sein.
Auf Freds geistiger Leinwand erschien eine weitläufige Marmorhalle, in deren Wände tausende quadratische Fächer eingelassen waren. Legte man seine Hand auf das dazugehörige Sensorfeld, erwachte es zum Leben und blendete alle relevanten Informationen des Verstorbenen ein. Für einen minimalen Aufpreis zeigte es sogar ein Video mit den schönsten Erinnerungen sowie Kommentare der Hinterbliebenen. Nummer 3347 beinhaltete sein Statement. Es lautete relativ unspektakulär: Ich wünschte wir könnten meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag gemeinsam feiern. Ohne dich auf meine Volljährigkeit anzustoßen, wird nicht dasselbe sein. Ich vermisse dich.
Schmerzhafte Erinnerungen. Abwesend leckte er sich über die Lippen und drängte die Wut zurück, die in ihm aufstieg. Wollte der Kerl ihn damit aus der Reserve locken?

»Fred?«
»Ich bin noch dran.«
»Also?«
»Also, was?«, zischte er.
»Deine Frage.«
Sein Adrenalinspiegel kochte im gleichen Maß, wie sein Hals sich zunehmend trockener anfühlte. Er brauchte jetzt definitiv einen stärkeren Koffeinlieferanten als die Papayaplörre. Zielstrebig umrundete er den Küchenblock und griff nach der Espressotasse. Braune Bohnen auf Cola - das Frühstück der Champions ... Die lauwarme Brühe verursachte ihm Übelkeit, erfüllte aber ihren Zweck. Merklich ruhiger lehnte er sich gegen den Multikocher und schloss die Augen.
»Warum haben Sie mich angerufen?«
Der Andere zögerte.
»Lassen Sie mich raten – falsche Frage?«
»Nicht direkt … aber du musst ein bisschen konkreter werden.«
Freds Puls schleuderte wieder in die Höhe. Allmählich hatte er die Schnauze gestrichen voll - und für knappe zwei Sekunden gewann der Drang, den Mist einfach zu beenden, klar die Oberhand. Dann fiel der Groschen.
»Warum haben Sie mich ausgerechnet heute angerufen?«
»Na endlich!« Ein anerkennendes Schnauben ertönte. »So können wir miteinander arbeiten.«
»Und?«
»Hm?«
»Ich warte auf eine Antwort. Warum das ganze Theater? Und warum heute?«
Der Fremde schnalzte mit der Zunge. »Weil du mir etwas schuldest.«
Falls Fred auf Details gehofft hatte, wurde er enttäuscht. Sein Gesprächspartner machte keinerlei Anstalten, das Gesagte näher auszuführen.
Auch er schwieg, strich sich übers Kinn und begann, durch das Loft zu marschieren. Die sonstige Weite der ehemaligen Automobilfabrik erschien ihm mit einem Mal gedrungen. Das historische Gebäude verlor seinen Charme und der Roboterarm, der aus nostalgischen Gründen in das Gesamtkonzept integriert worden war, wirkte plötzlich fast feindlich.
»Ich fürchte, das müssen Sie mir erklären.«
»Gern.« In den rauen Ton des Unbekannten mischte sich eine gewisse Milde. »Wo fange ich an? Vielleicht sollten wir uns als Erstes deiner aktuellen Situation widmen ... Wie geht es dir?«
»Hervorragend. Danke.« Fred gab sich nicht die geringste Mühe, seinen Sarkasmus zu verbergen - und wenn er sich nicht sehr irrte, klang das darauffolgende Lachen sogar aufrichtig.
»Du hast Humor. Das mag ich. Aber im Ernst - sind dir in letzter Zeit nicht irgendwelche Veränderungen aufgefallen?«
Fred zuckte mit den Schultern. Seine Augen glitten unstet durch den Raum und blieben an der schwarz lackierten Akustikgitarre hängen, die in der hintersten Ecke des Wohnbereichs lag. Das seltene Stück hatte ihn grob 4000 Welteinheiten gekostet - selbst für sein Budget ein stolzer Preis. Umso schmerzhafter traf ihn der Riss, der seit dem gestrigen Abend ihren glänzenden Korpus zierte. Seit er sie wütend von seinem Schoss gepfeffert hatte ...

»Ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen.«
»Du bist ein mieser Lügner«, sagte der Fremde und seufzte. »Und neuerdings auch ein mieser Gitarrist, oder? Nicht der simpelste Akkord will dir mehr gelingen.« Er räusperte sich gedehnt. »Schlecht für einen Berufsmusiker möchte ich meinen.«
In Freds Brust machte sich Enge breit.
»Wie können Sie ...«
»Oh, ich sehe und höre alles«, unterbrach ihn die säuselnde Stimme aus dem Audiostecker. »Wenn ich dich nun bitten dürfte, dein Omninet zu aktivieren ...«
»Was?« Die Aufforderung kam derart aus dem Nichts, dass er ihren Sinn zunächst gar nicht begriff. »Ich …«
Den Fremden schien das wenig zu kümmern. Er schnaufte nur genervt auf.  »Tu es einfach.«
Kaum fähig, sich schneller als in Zeitlupe zu bewegen, gehorchte Fred und wankte zur Steuerkonsole neben der Tür.
»Keine Sorge, du wirst bald verstehen.«
Noch immer zu perplex für eine wirkliche Reaktion, aktivierte er den grün markierten Sensor, woraufhin sich ein Spalt in der Decke öffnete und der transparente Bildschirm direkt vor seine Couch projiziert wurde. Schwerfällig ließ er sich in die Kissen fallen. Seine Hand wanderte zu dem sich drehenden Globussymbol und die Startseite des Omninet erhellte das Loft mit gedämpftem blauen Licht.
»Ich bin im Netz.«
»Braver Junge. Jetzt wähl dich bei Virtual Identity ein.«
Freds Finger verharrten in der Luft. V.I.? Die Vorstellung, sich unter den gegebenen Umständen dort einzuloggen, behagte ihm gar nicht. Von diesem Account aus konnte man leicht auf sämtliche seiner Daten zugreifen - und mit entsprechender Zugangsberechtigung beliebige Transaktionen tätigen. Sein gesamtes Leben war auf V.I. gespeichert. Konten. Medizinische Unterlagen. Ausweise. Mitgliedschaften. Kontakte. Private Notizen.
Natürlich wurde das System durch etliche Sicherheitsmaßnahmen vor Fremdzugriffen geschützt, aber wenn der Kerl es schon schaffte, ihn unbemerkt zu beobachten - wozu war er dann noch fähig? Schweiß perlte ihm das Rückgrat entlang.
»Probleme?«
»Nein.« Unschlüssig massierte er sich die Schläfen.
»Hast du Angst, dass ich dir deine Ersparnisse klaue?« Ein bellendes Lachen brachte den Ohrstecker zum Wackeln. »Keine Sorge, es ist kein Geld, das du mir schuldest. Denkst du wirklich, für schnöden Mammon würde ich einen solchen Aufriss veranstalten?« Das Lachen verebbte. »Dein Passwort lautet: Armageddon. Der Name deiner ersten Band.«

Ohne Freds Zutun erschienen die zehn Buchstaben auf dem Bildschirm. Wie in Trance hielt er den Daumen über das eingeblendete Rechteck und bestätigte die genetische Rückfrage.
»Können wir fortfahren oder willst du erst deinen Kontostand prüfen?«
Seine Zunge versagte ihm den Dienst. Allmählich gedieh die Situation zu einem surrealen Albtraum und er betete, dass er vor dem unvermeidlichen Showdown daraus erwachte.
»Ich werte das als ja. Was siehst du?«
»Mein Profil.«
»Bist du immer so einsilbig?«
»Es wäre leichter, wenn ich wüsste, wonach ich suchen soll ...«
»Vermutlich, aber du kriegst das sicher auch so hin.«
Fred bemühte sich, ruhig zu bleiben. Dieser Kerl spielte mit ihm - und er hatte eindeutig die besseren Karten. Nichtsdestotrotz bestand noch immer eine realistische Chance, heil aus der Sache rauszukommen und die würde er sich nicht durch kopflose Panik vermasseln.
»Okay, ich sehe meinen offiziellen V.I.-Account. 3-D-Foto. Aktuelle Termine. Preise. Externe Verbindungen. Anwendungen.« Fred atmete gegen die aufsteigende Übelkeit an. »Ein paar Aufnahmen von der Live-Tour vergangenen Herbst. Die letzten fünf Cover der Studioalben. Fan-Kommentare. Infos über den Künstler. Privater Bereich. Notizen. Das Übliche eben.«
Hektisch überflog er die Seite. Nein, ihm fiel tatsächlich nichts Ungewöhnliches auf. Die Buttons waren an ihrem Platz, die Bilder und der Text unverändert. Fred S., der in seinen jungen Jahren bereits Neorock-Geschichte geschrieben hat und mit seinem unverwechselbaren Sound ganze Stadien sowie virtuelle Konzertsäle füllt ... las er und fühlte - obwohl momentan ziemlich unangebracht - Stolz aufkeimen.
»Du musst keine Bescheidenheit heucheln. Ich konnte mich noch nie für pseudomoralische Mauerblümchen erwärmen.« Der Fremde gluckste. »7,8 Millionen aktive Fans. Das soll dir erst mal einer nachmachen!«
Trotz der gestörten Beziehung (?), die sie miteinander verband, schmeichelten Fred seine Worte und er lächelte stumm in sich hinein. Ja, auf diese Leistung durfte er wahrlich stolz sein. Vom Niemand zum Superstar; und das quasi über Nacht. Eine kometenhafte Karriere, die ihm keiner zugetraut hatte. Keiner! Im Gegenteil, sie hatten ihn nur müde belächelt und als Spinner abgestempelt. Und heute war er der meist angeklickte Promi bei Virtual Identity.
»Hast du genug in deinem Erfolg gebadet?«
Der raue Bariton aus dem Audiostecker holte ihn zurück in die Realität. Dieser Typ spielte mit ihm und er stieg brav darauf ein. Wie blöd musste man eigentlich sein? Oder wie eitel?
Langsam nahm er die Hände vom Bildschirm. »Wonach soll ich suchen?«
»Infos über den Künstler.«
»Sind Sie immer so einsilbig?«
Der Kehle des Fremden entstieg ein Grollen und Fred verstummte. Das Bedürfnis, eine Entschuldigung zu murmeln, brannte ihm auf der Zunge, aber er hätte sie sich lieber abgebissen, als es in die Tat umzusetzen. So presste er die Lippen zusammen und klickte sich stattdessen schnell durch die Profileigenschaften.
»Alles klar. Ich hab´s.«
Eisiges Schweigen.
»Was jetzt?«
Die Stimme rührte sich nicht.
»Hallo, sind Sie noch dran?« Freds Puls tanzte Polka. »Hören Sie, ich finde nichts Ungewöhnliches, daher ...«

Mitten im Satz brach er ab und starrte ungläubig auf die Eintragungen unter der Rubrik musikalische Aktivitäten. Da stand: Leadsänger bei Armageddon. Hobbymäßiger Schlagzeuger. Synchostraspieler. Komponiert und textet eigene Songs. Schreibt gelegentlich auch für andere Künstler. Neorocker. Fertig. Sein Kopf schaltete abrupt in den Leerlauf. Das konnte nicht sein.
»Ah, du hast es gefunden.«
»Waren ... Sie das?« Fred klebte die Zunge am Gaumen und scharfe Magensäure schäumte seine Speiseröhre entlang.
»Falls du den fehlenden Eintrag Gitarrist meinst, dann ja. Das war ich.«
Sein Gehirn glitt vom Leerlauf in blankes Chaos. Nicht nur, dass der Kerl sich in seinen Account bei V.I. gehackt hatte - einem technischen Genie würde das entgegen jeder Wahrscheinlichkeit vielleicht gelingen - er hatte es geschafft ... gottverdammte Scheiße ... nicht einmal in Gedanken formierte sich das Puzzle zu einem logischen Ganzen ... diesen Aspekt seiner Biografie ... virtuell und ... greifbar ... zu löschen.
»Fred?«
»Das ist irgendein dämlicher Scherz, oder? Eine neue Fernsehshow mit Fernhypnose! Verarsch den Promi! Link den Star! Hä!«
»Nein.«
»Wer sind Sie?« Diesmal gelang es ihm nicht, den Emotionslosen zu mimen. Er brüllte derart laut in den kleinen Stecker an seinem Ohr, dass sein Trommelfell mit einem schmerzhaften Stich antwortete.
»Nenn mich Mephisto.«
Ein nervöses Lachen brachte Freds Brust zum Hüpfen.
»Logisch. Und nennen Sie mich Faust!«
»Warum so unfreundlich? Gefällt dir der Name nicht?«
»Sagen Sie mir endlich, wer Sie sind!«
»Das habe ich gerade.«
»Nein! Ihren wahren Namen!«
»Mephisto.« Der Fremde holte hörbar Luft. »Luzifer. Beelzebub. Old Nick. Satan. Höllenfürst. Diabolus. Teufel. Such dir einen aus!«
»Sie sind ja total irre!«
»Warum zitterst du dann? Ist dir etwa kalt?«

Dem zynischen Kommentar folgte ein unverständliches Raunen und unvermittelt stieg die Temperatur im Loft um mindestens zwanzig Grad an. Das Heizsystem spuckte aus vollen Rohren Hitze in den Raum. Fred riss die obersten Knöpfe seines Hemds auf und keuchte. Manipulierte der Typ denn alles? Nun, entweder das oder seine Körpertemperatur war spontan derart weit gefallen, dass die Dermafühler ihn für schockgefrostet hielten.
»Schluss damit! Was wollen Sie?«
»Es klingelt immer noch nicht bei dir, hm?« In die Stimme des Fremden mischte sich jetzt ein Unterton, als würde er mit einem begriffsstutzigen Kind sprechen. »Ich fordere die Erfüllung unseres Vertrages ein.«
»Welcher Vertrag denn?«
Das scheußliche Lachen, das Fred am heutigen Tag bereits mehrfach ein ekelhaftes Ziehen im Magen beschert hatte, steigerte sich zu einem berstenden Stakkato. »Ich helfe dir auf die Sprünge ...«
Ohne erkennbare Eile zoomte der Bildschirm die linke Ecke seines Profils näher heran. Das Buchssymbol wurde aktiviert und vor Freds Augen entrollte sich die Übersichtstabelle. Der Cursor glitt zu den Anwendungen.
»Womit du so deine Zeit verplemperst ... echt faszinierend.«
Die stilisierte Schatzkiste öffnete sich und ein Sammelsurium aus Miniaturgrafiken überschwemmte die Seite. Multiplayer-Games, Soloplayer-Games, Horoskope, Psychotests, Onlinemagazine, Musikkanäle, Filmkanäle, Flirtportale, Kalender verschiedenster Ausrichtung, Avatare in Menschenform, Avatare in abstrakter Form, Tiere, Gegenstände - Fred wurde von der schier endlosen Flut, die bar jeder Filterung auf ihn einprasselte, fast erstickt.
»Voilà, des Pudels Kern! Entschuldige, den Witz konnte ich mir nicht verkneifen.«
»Ich verstehe nicht ...«
»Nein? Okay, einen letzten Tipp gebe ich dir.«

Die sechste Miniaturgrafik im sechsten Block in der sechsten Reihe begann wild zu blinken und Freds Puls durchbrach die Erdumlaufbahn. Wie ferngesteuerte Lava tropften die Worte aus seinem Mund: »Was genau schulde ich Ihnen?«
»Nichts Besonderes ...« Der Fremde gab ein undefinierbares Kieksen von sich. »... nur deine Seele.«
Freds Pupillen hefteten sich geradezu auf die winzigen Hörner, deren rote Spitzen aus einer animierten Flamme ragten. MP. Mephistos Pakt. Ein simples Programm, das er sich irgendwann aus purer Langeweile an seinen Account gehängt hatte. Albernes Zeug. Man konnte vorgefertigte Fantasien wählen oder einen beliebigen Wunsch eintippen, bekam die dazugehörige Anzahl verbleibender Jahre angezeigt - dreißig für mittelmäßiger Rapper, zehn für sexy Millionär - und musste seinen Daumen in das Bestätigungskästchen halten. Realistisch betrachtet purer Schwachsinn.
»Das war ein Spiel!«, schrie er, schüttelte panisch den Kopf und sackte zwischen seine Knie. Unter rhythmischem Stöhnen ergossen sich lauwarmer Espresso, kalte Papaya Coke und Reste kalorienfreier Zartbitterschokolade auf den antiallergenen Teppich zu seinen Füßen.
»Nicht für mich.« Während der Fremde, der nun eigentlich kein Fremder mehr war, zu seinem bronchitischen Lachen ansetzte, wechselte der Bildschirm zurück zu Freds Profil. »Du wolltest der mit Abstand größte Star deiner Zeit sein. Ich habe deinen Wunsch erfüllt. Du bezahlst deine Schulden. Ende der Geschichte.«
»Das ist nicht fair!«
»Wieso? Weil du bloß lausige drei Jahre deinen Spaß hattest? Das wusstest du vorher. Weil du wegen dem Tod deines Vaters traurig und nicht voll zurechnungsfähig warst? Dein Problem. Weil du dachtest, der Teufel existiert nicht und deshalb unbesonnen unterzeichnet hast? Tja, klassische Fehleinschätzung.«
»Sie lügen!« Freds Lungen flatterten. »Sie ziehen hier eine Show ab, um mir Angst zu machen!«
»Werd nicht albern, mein Junge.«
»Sie sind nicht der Teufel! Sie können nicht der Teufel sein! Und ich beweise es!« Panisch griff er sich den Stecker und riss ihn aus seinem Ohrläppchen. Blut tropfte auf seine Schulter, trotzdem grinste er zufrieden. »Gespräch beendet, Arschloch!«

Eine Weile herrschte Stille, dann meldete sich Mephistos amüsierte Stimme: »Ich enttäusche dich nur ungern, aber ich bin noch da.«
»Versteckte Mikrofone!« Fred blickte sich hektisch um. »Oder das Omninet!«
»Fragen, Zweifel, Panik, Leugnen, Beschimpfungen – immer das Gleiche … Oh ihr skeptischen Menschen.« Mephisto grunzte. »Dabei hat meine PR-Abteilung Stein und Bein geschworen, ein Anruf würde mir das ewige Gejammer ersparen!« Er stöhnte hallend auf. »Apropos ...«
Fred sah den Cursor über den Bildschirm und zum Menüpunkt Sprachen wandern. Nacheinander verschwanden die dortigen Einträge, bis sämtliche Felder weiß waren. Er machte den Mund auf, um zu protestieren, doch seine Stimmbänder versagten ihm den Dienst. Stumm und starr vor Entsetzen saß er vor seinem V.I.-Profil, dessen obere Hälfte nun den Kasten für Statusmeldungen zeigte; und in dessen Rechteck sich Buchstaben zu Sätzen formten.

DIES WIRD MEINE LETZTE NACHRICHT SEIN. LEBT WOHL. ES IST ZEIT, MEINE SCHULDEN ZU BEGLEICHEN.

Der schwarze Strich am Ende der Zeile pulsierte mit Freds Herz um die Wette. Leise wehte ein weiterer Oldie durch das Loft - AC/DC, wenn er richtig hörte - und aus seinem Augenwinkel löste sich eine Träne. Dann drückte irgendwo ein Fremder, der sich ihm als Mephisto vorgestellt hatte, auf Enter.

 

(Erschienen 2012 im c´t Magazin)

 

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