Zauber der Bienen

 

Es gibt wohl nichts Faszinierenderes als einen Bienenschwarm, der sich majestätisch zur Rast in einem Baum niederlässt. Innerhalb weniger Minuten gelingt es diesen Meistern der Luftakrobatik sich aus einem wirr durcheinander surrenden Haufen, der vage an einen Sandsturm erinnert, in ein einheitliches Gebilde zu verwandeln. Dabei scheint es ihnen ein Leichtes zu sein, aus 30.000 Einzelwesen ein gemeinsames Bewusstsein zu formen, sodass ein jedes Geschöpf seinen Platz in dieser Formation zu finden vermag. Noch beeindruckender wird der ganze Reigen bei bevorstehendem Regen, wenn man bedenkt, dass sich die äußeren Wachen bedingungslos opfern, um mit ihren sterbenden Körpern ihre Freunde im Inneren trocken zu halten und den Fortbestand ihrer Art zu schützen.
So viel zur Theorie, in der Praxis sieht die Sache nämlich etwas anders aus; denn wenn besagter Baum vor meinem Haus steht und besagte Biester gerade vor meinem Fenster ihren Reigen tanzen, finde ich daran absolut nichts majestätisch. In diesem Fall handelt es sich eher um 30.000 Stacheln mit Flügeln, die gänzlich unkoordiniert die Gegend unsicher machen, sich aus unerfindlichen Gründen an einen Ast hängen und dort mit der unausgesprochenen Drohung »irgendwann fliegen wir wieder los, stell dich uns nur nicht in den Weg« abwarten.
Dann denkt man weniger an die Schönheit der Natur, sondern vielmehr an jene netten Horrorschocker, in denen sich ein Pärchen zum Picknick trifft, arglos ein paar Blumen pflückt, sich ewige Liebe schwört und im nächsten Moment von einer Armee wütender Killerbienen angegriffen und in ein menschliches Nadelkissen umfunktioniert wird, womit die Geschichte der beiden für immer endet.
Deshalb hält sich – man möge mir verzeihen – auch mein Mitleid für die im Regen Dahingeschiedenen durchaus in Grenzen, ebenso wie für diejenigen, die sich an meiner Fensterscheibe einen Genickbruch zugezogen haben, weil sie die Fliehkraft in der Kurve unterschätzt haben.
Trotzdem bleibt ein Bienenschwarm natürlich etwas Großartiges, nur ziehe ich Faszination aus der Ferne dem Direkterlebnis bei Weitem vor. Der einzig vertretbare Berührungspunkt mit dieser Gattung stellt für mich Honig dar, denn selbst bei allem Grausen darf der Genuss nie zu kurz kommen.

 

 

Der Tanzfilm

 

Kein Genre lebt so sehr vom rhythmischen Zusammenspiel zweier Körper wie der Tanzfilm (mit Ausnahme gewisser erotischer Streifen vielleicht) und kaum eines kommt mit weniger Inhalt aus. Im Grunde besteht das Rezept sogar nur aus drei fein aufeinander abgestimmten Zutaten: aus einer Portion einprägsamer Musik, einer Messerspitze optisch ansprechender Bewegungen und einer Prise Liebelei.
Wie speziell letztere Komponente vermuten lässt, steht und fällt die Story daher in erster Linie mit ihren Charakteren. Deshalb scheint es sinnvoll, sich zunächst den Hauptpersonen zu widmen.

Die Protagonisten

In Variante Nummer eins haben wir auf der einen Seite den coolen Tänzer und Frauenschwarm, den die Natur großzügig mit einem anbetungswürdigen Astralkörper ausgestattet hat. Vom Scheitel bis zur Sohle ein ganzer Kerl. Wenn er über das Parkett gleitet, geraten die Frauen reihenweise in Verzückung. Sie stecken ihm heimlich ihre Hotelschlüssel zu oder prügeln sich darum, wer die nächsten Tanzstunden (Zwinker, Zwinker) bei ihm nehmen darf.
Ihm gegenübergestellt gibt es dann das Mädchen. Eine graue Maus mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, die nur zufällig die Wege unseres Sunnyboys kreuzt. Sie besitzt ungefähr so viel Rhythmusgefühl wie ein Storch mit Gipsbein und so viel Sexappeal wie ein Ziegelstein. Das wird sich allerdings bald radikal ändern.
In Variante Nummer zwei steht ein Paar im Mittelpunkt, das aus verschiedenen Welten stammt und nur auf der Tanzfläche eine glückliche Beziehung führt. Denn widrige Umstände stellen sich ihrer Liebe in den Weg. Denkbar sind beispielsweise die Kombinationen »reiche Ballerina und armer Straßen-Hip-Hopper« oder »Kinder aus verfeindeten Familien« (Romeo und Julia lassen grüßen). Die Fantasie der Drehbuchautoren kennt hier tatsächlich keine Grenzen.

Die Statisten mit Text

Die Nebendarsteller dienen in diesem Zusammenhang eigentlich nur dazu, etwas Schwung beziehungsweise Abwechslung in das Ganze zu bringen. Im Detail sind sie nicht so wichtig. Einzig ihr Vorhandensein, nicht jedoch ihre individuelle Persönlichkeit zählen. Und so existieren sie in beinahe unzähligen, oft überspitzt gezeichneten Ausführungen.
Ein prototypisches Exemplar wäre beispielsweise der unsympathische Bengel aus reichem Hause, mit dem die Protagonistin verbandelt werden soll, den sie allerdings kaum ansehen kann, ohne mit einem Würgereflex zu kämpfen. Ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen sich die bereits erwähnten Eltern, die wahlweise miteinander verfeindet sein können oder in ihrer Spießigkeit gegen die Tanzleidenschaft ihres Sprösslings ankämpfen. Nicht zu vergessen die Exfreundin des Hauptdarstellers, die fälschlicherweise als aktuelle Geliebte eingestuft wird. Manchmal ist sie auch von jemand anderem schwanger, die Hauptdarstellerin aber denkt, das Kind sei von ihrem Schwarm, woraufhin sie sich blöderweise mit dem tatsächlichen Vater (kein netter Geselle) einlässt und das Drama seinen Lauf nimmt.
Außerdem wäre da noch die direkte Konkurrenz, die es auf dem Parkett zu schlagen gilt. Entweder ein Paar oder eine Einzelperson; in jedem Fall jedoch Leute, die mit unfairen Tricks arbeiten. Dazu packt man dann obendrein allerhand Statisten wie schräge Freunde, erfahrene und weise Tanzkollegen, Jurymitglieder, Gäste des jeweiligen Tanzschuppens, Prominente und Halbprominente – kurzum lebende Kulissen ohne tragende Rolle.

Die Story

Gerade beim Punkt Darsteller beziehungsweise Nebendarsteller dürfte also nicht übermäßig viel kreative Energie gefordert sein, anders als bei der eigentlichen Geschichte.
Im Kern bleiben sich dabei sämtliche Tanzfilme treu. So geht es beinahe immer um den Sieg bei einem Turnier, die Aufnahme an einer namhaften Tanzschule oder eine weltverändernde Veranstaltung. Die wichtigen Faktoren bilden lediglich die Fragen nach dem »Wie?« und dem »Warum?«
Hinter dem »Warum?« verbirgt sich der größte Teil der Story. Es gilt nämlich zu klären, warum sich die Hauptdarsteller begegnen und warum der Frieden der westlichen Welt von diesem einen bestimmten Ereignis abhängt. Beides muss weder einen handfesten Bezug zur Realität haben, noch Sinn ergeben und darf gerne mit abgegriffenen Klischees jonglieren. Die Palette ist somit äußert vielfältig und reicht von relativ banalen Dingen wie einer Ferien-Zufallsbekanntschaft bis hin zu toten Müttern, deren letzter Wunsch darin bestand, dass ihre Tochter als Primaballerina Pirouetten dreht.
Das »Wie?« hängt seinerseits direkt vom »Warum?« ab und verbindet die einzelnen Elemente miteinander. Es zeigt, wie aus der Begegnung Liebe entsteht und wie das zu Beginn gesteckte Ziel erreicht wird. An dieser Stelle darf es auch gerne etwas gefühlsduselig werden. Blutige Schuhe, ein neuer Tanzstil oder tiefgründige Einsichten über das Universum und seine Bewohner stehen dabei nur stellvertretend für ein unerschöpfliches Sammelsurium an Ideen.

Fazit

Zwei Darsteller, eine unterhaltsame Story und gute Musik. Fertig wäre das Grundgerüst, das ganze Generationen von (rhythmisch vermutlich nicht gerade begabten) Zuschauern bereits glücklich gemacht hat und es wohl bis in alle Ewigkeit tun wird.

 

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